Schlachthaus

Ein Ort zum Wohlfühlen

Zehn Jahre ist es her, als das Schmißberger Schlachthaus in eine Dorfkneipe umgebaut wurde. Zu verdanken ist das vor allem dem Ehrgeiz der Bürger der Gemeinde sowie Visionären.

vom 16. November 2019 I von Jana Grauer

Das Schlachthaus

Es ist eine normale Samstagsöffnung im Schmißberger Schlachthaus. Draußen herrschen frostige Temperaturen, von denen die Gäste drinnen aber kaum etwas mitbekommen. Es ist wohlig warm, im Pelletofen knistert ein Feuerchen, an der Theke wird gelacht, erzählt und das ein oder andere Bier getrunken. Es ist der 9. November – 30 Jahre Mauerfall. Auch das ist neben den aktuellen Fußballergebnissen Thema an diesem Abend.

Internationale Gäste im Schlachthaus

Aus den Lautsprechern dröhnt Ost/West-Musik. Von Citys  “Am Fenster” über “Alt wie ein Baum” von den Puhdys bis hin zu Nina Hagens “Du hast den Farbfilm vergessen”. Während die Gäste an der Theke mitsingen und – ja auch das gibt es im Schlachthaus: zur Musik tanzen, sitzen an der großen gemütlichen Eckbank am Fenster internationale Gäste. Vier Slowaken genießen ihren Feierabend und lernen, das regionale, im Schlachthaus ausgeschenkte Bier schnell zu schätzen. Sie arbeiten seit einigen Monaten auf einer Baustelle in Baumholder und wohnen derzeit in den Ferienwohnungen der Alten Schule.

Jeder ist im Schlachthaus willkommen

Schmißbergs ehemaliger Ortsbürgermeister, Adolf Schuch, tut das, was er immer tut, wenn neue Gesichter im Schlachthaus vorbeischauen: Er fängt ein Gespräch an! Er spricht über Schmißberg, das Schlachthaus und regionales Bier. Mit Händen und Füßen, diverser Handy-Übersetzungsprogramme und der englischen Übersetzung einiger anwesender Schmißberger, funktioniert die Unterhaltung trotz der Sprachbarrieren einwandfrei.

Die vier Slowaken zusammen mit Jana Grauer und Adolf Schuch an einem Samstagabend im Schlachthaus.
Die vier Slowaken zusammen mit Jana Grauer und Adolf Schuch an einem Samstagabend im Schlachthaus.

An solchen Abenden wird deutlich, welche ein Glücksfall das Schmißberger Schlachthaus ist. Es nicht nur Kneipe und Veranstaltungsort  – es ist das Wohnzimmer der Schmißberger. “Reinkommen und wohlfühlen”, wäre der passende Slogan dafür. Doch erzählen wir die Geschichte von Anfang an:

Gemeinderat wagt mutigen Schritt

Der damals amtierende Gemeinderat beschloss 2007 die Anlage rund um das Schlachthaus – den Dorfmittelpunkt – neu zu gestalten. Für Dorferneuerungsprojekte wie dieses, stellte die EU damals gerade Fördermittel bereit. Vertreter der zuständigen Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier machten sich ein Bild von den Plänen, erzählt Adolf Schuch, der damals Ortsbürgermeister war.

Der Bauplan für die "Hohe Wiese".
Bauplan für die Umgestaltung der „Hohe Wiese“ 2006

“Während dieses Besuchs, entstand die Idee auch das Schlachthaus auszubauen – irgendjemand sagte: Da kann man doch aus was draus machen”, so Schuch im Interview mit schmißberg.de.

Schlachthaus ist Treffpunkt für Jung und Alt

Das Schlachthaus wurde zuvor viele Jahre von Bauern aus dem Dorf genutzt, um – wie es der Name schon sagt – dort zu schlachten, erinnert sich Guido Schulz. Später sei es dann an einen Metzger aus Nohen verpachtet worden.

Damit sollte nach dem ADD-Besuch Schluss sein. Die Planungen für das Schlachthaus sahen zunächst vor, dort eine Art Verkaufsschalter zu schaffen, an dem bei Veranstaltungen, wie dem Brunnenfest, Getränke verkauft werden können, erzählt Adolf Schuch. Doch bald wurde den Verantwortlichen klar, dass das Schlachthaus weit mehr Potential bietet. Schließlich ist der Standort in der Dorfmitte perfekt, um das Haus für alle Bürger nutzbar zu machen. Es sollte eine Begegnungsstätte werden, ein Treffpunkt für Jung und Alt. 

Ein Mammut-Projekt

Doch das Gesamtprojekt sorgte nicht nur für Euphorie in der Gemeinde. 103.000 Euro wurden damals veranschlagt, um das Schlachthaus in eine Dorfwirtschaft umzubauen und den Platz davor neu zu gestalten. Eine Summe, die so einigen Bürgern Bauchschmerzen bereitet hat. Ein Großteil des Geldes konnte zwar mit EU-Fördermitteln, Landeszuschüssen und Spenden abgedeckt werden – dennoch war bereits vor Beginn der Arbeiten klar, dass die Gemeinde mehrere tausend Euro und jede Menge Eigenleistung selbst aufbringen muss, um das Projekt umzusetzen.

Der damalige Gemeinderat blieb jedoch hartnäckig und hielt trotz aller Kritik und Bedenken an der Idee fest. Darauf ist Adolf Schuch heute immer noch stolz: “Als ich das damals in der Rentnerband erzählt habe, was wir da vorhaben, sagte jemand zu mir: Das schafft ihr nie, das Projekt mit so viel Eigenleistung umzusetzen. Doch wir waren einfach überzeugt, dass wir das schaffen”.

Mit Liebe zum Detail

Gesagt getan: Im Januar 2008 wurde das Großprojekt gestartet. Beim Umbau des Schlachthauses nahmen vor allem Stefan Schuch, Guido Schulz und Martin Thomas das Zepter in die Hand. “Stefan fungierte als Bauleiter, Martin quasi als Innenarchitekt und ich hab und dann die Einrichtung in Ebay zusammengesucht”, erinnert sich Gudio Schulz lachend. Obwohl ein Großteil der Dinge selbst abgeholt werden musste, war den Dreien kein Weg zu weit. Der Pelletofen stammt aus der Schweiz, die bunten Fenster aus Worms, die Türen aus Aschaffenburg, die Lederstühle aus Karlsruhe und die Küche aus Oberbrombach. 

Die Innenansicht des Schlachthaus
Das Schlachthaus nach dem Umbau von innen.

Handarbeit an jeder Ecke

Gemeinsam mit vielen weiteren ehrenamtlichen Helfern (siehe unten) schafften es die drei, das Schlachthaus und die Dorfmitte neu zu gestalten. Und das mit jeder Menge Handarbeit: Egal ob es darum ging den Anbau für den Toiletten-Trakt zu mauern, Rohre anzubringen, zu fließen, Pflastersteine zu verlegen oder Blumen und Sträucher zu pflanzen. In fast 3000 Arbeitsstunden wurde mit viel Enthusiasmus für das Herzensprojekt geschuftet, nach der Arbeit und an Wochenenden. Einen Einsatz, den Helfer Guido Schulz nicht bereut: “Man hat für die Gemeinde in einer kleinen Gruppe was Großes erreicht. Das war toll.” Auch Adolf Schuch erinnert sich gerne an das Projekt: “Jeder der dazu Ideen hatte, hat sich eingebracht, das hat einfach einwandfrei funktioniert”. 

Die neue Dorfmitte – ein Erfolg

Im Spätsommer 2009 konnte die neue Dorfmitte eingeweiht werden. Bouleplatz, Brunnen, gemütliche Sitzfläche im Grünen und das Schlachthaus laden seitdem mitten im Dorf zum verweilen ein und bringen dort regelmäßig Jung und Alt zusammen. Ob beim Brunnenfest, beim Boule-Spielen, dem traditionellen Glühweintrinken, gemeinsamen Pizza-Abenden oder den klassischen Schlachthaus-Öffnungen. Vor allem letztere leben vom unerschütterlichen Engagement der ehrenamtlichen Wirte, die nicht zu vergessen auch Sonntags im Gemeinschaftshaus die Türen öffnen.

Für jeden etwas dabei

Das ein Dorf mit knapp 200 Einwohnern gleich über zwei Veranstaltungs-Orte verfügt, wird mancherorts mit Staunen quittiert. Doch die beiden Häuser stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern ergänzen sich. Während das Gemeinschaftshaus gerade für große Feierlichkeiten wie das Haxenfest, das Maifrühstück oder auch private Feste wie Hochzeiten geeignet ist, glänzt das urige, gemütliche Schlachthaus bei kleineren, familiären Partys. “Viele die unser Schlachthaus kennen, beneiden uns darum. Wer hier einmal herkommt, der kommt auch gerne wieder”, erzählt Adolf Schuch stolz. Er wünscht sich, dass das Haus auch in Zukunft gehegt und gepflegt wird, damit noch viele schöne Feste darin gefeiert werden können.

Wirte fürs Schlachthaus gesucht

Ideen gibt es viele. Von einer Pub-Night mit Karaoke über Skat/ Preis-Bull-Abende bis hin zur Karibischen Cocktail-Nacht. “Wer die Einheimischen mal kennenlernen will, sollte auf jeden Fall mal ins Schlachthaus kommen” empfiehlt Guido Schulz, im Interview mit schmissberg.de. Er und viele andere Schmißberger möchten ihr “Wohnzimmer” nicht mehr missen. Er hofft nun, dass sich in Zukunft, vielleicht auch unter den Neubürgern, noch ein paar Freiwillige für die ehrenamtlichen Wirtedienste finden. Denn nur so könnten die regelmäßigen Öffnungen von Schlacht- und Gemeinschaftshaus fortgeführt werden. “Und ein BAP-Abend im Schlachthaus, das wäre schön”, sagt Schulz mit einem Lächeln im Gesicht. 

Danke an alle die beim Umbau der Dorfmitte geholfen haben:

Stefan Schuch, Guido Schulz, Martin Thomas, Adolf Schuch, Rudi Weber, Manfred Hebel, Heinz-Jürgen Müller, Günther Geiss, Thomas Helm, Peter Welsch, Günter Essig, Günter Zuck, Jürgen Wagner, Klaus Loose, Jörg Welker, Dennis Welker, Karl-Peter Engel, Erwin Kemmer, Kurt Schuldes, Johannes Duschmann, Thomas Kupke, Rainer Müller, Yvonne Klein-Herbst, Oliver Kleiner, Herbert Leyser und allen die hier nicht genannt wurden. *Namensliste anhand Auflistung ehrenamtlicher Arbeitsstunden  – Dokument der VG Birkenfeld


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